Der Heidel-Coup – alles nur geträumt

mainz05.jpgMainzer Allgemeine Zeitung vom 30.10.2006
Von Sven Hieronymus

Es war ein lauer Oktoberabend. Schon seit einigen Jahren wurden die Herbsttage immer wärmer. So blendete mich die Sonne, während ich meinen Porsche in die Tiefgarage unter dem neuen Stadion fuhr, das seit Fertigstellung am Europakreisel aufgrund seiner Größe und der luxuriösen Innenausstattung für Gäste aus aller Welt ein architektonischer Anziehungspunkt geworden war.

Nachdem ich mein Auto auf meinem reservierten Parkplatz abgestellt hatte, begrüßte mich Liftboy Klaus Hafner mit einem freundlichen “Guten Tag, Herr Hieronymus. Auf geht’s?” “Na klar, Klaus, hier bei uns in Mainz geht es nur bergauf.” Wir lachten, und nach wenigen Sekunden betrat ich den VIP-Bereich. Immer wieder musste ich Autogrammwünsche erfüllen, und die Gäste wollten unbedingt ein Foto mit mir unter den an der Wand hängenden Goldenen Schallplatten der Bummtschacks machen, die wir dem VIP-Bereich zur Dekoration überlassen hatten. Ich hatte mich von diesen Requisiten getrennt, als ich endlich in meine neue Villa auf dem ehemaligen Bruchweggelände ziehen konnte.

So stand ich nun auf dem VIP-Balkon und schaute hinunter auf den Rasen, wo sich unser Team warm machte. Die 60 000 Mainzer Fans waren heute wieder sehr gut in Stimmung, denn ein Sieg würde uns die Tabellenführung bringen. Niemand zweifelte daran. Schließlich waren wir Titelverteidiger, und zu Gast war ja nur Werder Bremen, ein ehemals großer Club, der aber seit Jahren immer wieder um den Abstieg kämpfte. Aber – und das machte dann doch die Brisanz dieser Begegnung aus – die Bremer hassten uns. Sie hassten uns seit jenem denkwürdigen Spiel am 27. Oktober 2006.

Damals lagen wir zur Halbzeit 0:3 zurück. Klose und Hunt hatten eine schwächelnde Mainzer Mannschaft fast alleine abgeschossen, als zur Halbzeit das passierte, was man noch heute als den “Heidel-Coup” bezeichnete. Christian Heidel war es gelungen, während der Halbzeitpause dem damaligen Manager des SV Werder, Klaus Allofs, Mohamed Zidan abzuluchsen. So brachte Jürgen Klopp den kleinen ägyptischen Helden nach der Halbzeit für Imre Szabic. Das Stadion stand Kopf und mit dieser Euphorie im Rücken, drehte der FSV das Spiel durch vier Zidan-Tore und gewann verdient mit 4:3. Die Bremer Fanseelen kochten vor Wut, und so wurden nur eine Woche später Klaus Allofs und Thomas Schaaf entlassen – das Unheil nahm seinen Lauf.

Als neuer Trainer wurde Willi Reimann verpflichtet, und der schaffte es innerhalb eines halben Jahres, die Mannschaft auf einen Abstiegsplatz zu führen. Schon während der Winterpause wurden aufgrund interner Querelen Klose, Diego und Frings verkauft, und am Ende der Saison stand der Bremer Abstieg. Für die Mainzer hingegen war es das positive Signal, auf das sie alle gewartet hatten; am Ende der Saison erreichten sie überraschend Platz drei und spielten zum aller ersten Mal in der Champions League.

Hier erreichten sie das Finale gegen Barcelona, das zwar mit 3:2 verloren wurde, aber das Startsignal für eine unglaubliche Erfolgsstory unter Trainer Jürgen Klopp war. Mehrere Meisterschaften und Siege der Champions-League ermöglicsven_2.jpghten der Stadt und dem Verein schuldenfrei zu werden und führten uns in die heutige Zeit.

Man wird ja wohl mal träumen dürfen….

Der Autor ist Sänger der Kultband “Se Bummtschacks” und bekennender 05-Fan.